Der Standard, 03.01.2007
Büro-Sparefroh: Bund bremste Wien aus
Wien möchte das größte Passivenergie-Bürohaus Österrecihs bauen. Nur: Das hat der Bund bereits errichtet - das "Haus der Forschung" in der Sensengasse.
Wien – Die "Energybase" in Floridsdorf soll mit 7500 Quadratmetern Nutzfläche das größte Bürohaus Österreichs auf Passivhaus-Niveau werden, hatte die Stadt Wien kürzlich stolz verkündet. Nur: Wenn man den Gesamtenergieverbrauch des Gebäudes als Maßstab nimmt, dann wird sich Wien für dieses Ziel noch ein bisserl mehr anstrengen müssen. Denn ein Passivbürohaus dieser Dimension gibt es bereits in der Stadt.
Das "Haus der Forschung" wurde dieses Jahr in der Wiener Sensengasse eröffnet, ist mit 7581 Quadratmetern Nutzfläche sogar ein wenig größer – und braucht pro Jahr und Quadratmeter nur 96 Kilowattstunden. Zum Vergleich: Für Passivhäuser wird für den gesamten Energieverbrauch eine "Primärenergiekennzahl" von 120 Kilowattstunden als Limit gesetzt. Bauträger war die Bundesimmobiliengesellschaft, geplant wurde der Energiesparmeister vom Team "Neumann+Partner, Mascha & Seethaler".
"Sanfte Kühlung"
"Für Einfamilienhäuser wird meist der Heizwert mit maximal 15 Kilowattstunden als Kriterium herangezogen. Aber für Bürohäuser ist das zu wenig", erläutert Christian Mascha im Standard-Gespräch. "Da ist neben der gesamten Energieeffizienz auch der Komfort am Arbeitsplatz wichtig." Dass es im Haus der Forschung gelang, den Verbrauch derart herunterzuschrauben, ist mit zwei Maßnahmen geglückt: "Sanfte Kühlung" und – das klingt zunächst einmal überraschend: "Ein Rauchverbot im gesamten Gebäude. Das bringt eine irrsinnige Lüftungsersparnis", betont Seethaler.
"Sanfte Kühlung" bedeutet, dass die Temperatur nicht über eine klassische Klima-_anlage geregelt wird, sondern im Beton des Gebäudes Kühlleitungen verlegt werden. "So sind die Wände im Winter wärmer, im Sommer kühler. Damit sind 80 bis 90 Prozent des Heiz- und Kühlbedarfs abgedeckt." Dazu kommt: "Sooo eine Isolierung" – die Wände sind rund 23 Zentimeter dick – und "kleine Fenster mit Dreifachverglasung am Band".
Licht geht automatisch aus
Die verblüffendsten Einsparungen wurden aber mit dem Beleuchtungskonzept erzielt. Zum einen gibt es eine "Lichtlenkung", wodurch auch bei heruntergelassenen Rollos Tageslicht genutzt werden kann. Das Entscheidende war aber der Einbau von "Präsenzsensoren". Das heißt: Ist niemand im Raum, schaltet sich das Licht automatisch ab. "Ohne das läge der Energieverbrauch des Gebäudes bei 125–130 statt bei 96 Kilowattstunden pro Quadratmeter", ist Seethaler selbst verblüfft.
Dass derartige Bauten die Zukunft sind, ist Heinz Neumann durchaus überzeugt: "Neuerdings verlangen große Firmen eine Deckelung der Betriebskosten. Gebäude werden pauschal vermietet – inklusive Betriebskosten." Das Problem dabei ist aber: "Die Betriebskosten sind nur ein Bruchteil der Gesamtkosten eines Betriebes", weiß Neumann.
Motivation oder Terror
Was daher die Politik tun könne, um den Bau derartiger Objekte zum Standard zu machen? "Wie immer gibt es zwei Möglichkeiten: management by motivation – oder management by terror." Sprich: Entweder man schafft attraktive Förderung oder erlässt einfach entsprechende Vorschriften.
Dass Letzteres zu einer Standortgefahr für die Wiener Immobilienbranche werden könnte, glaubt Neumann nicht: "Europa ist ein vernetztes System. Da wird es in kürzester Zeit kein Ausweichen mehr geben." Außerdem, ergänzt Mascha, "kostet die Errichtung von energieeffizienten Gebäuden nicht so viel mehr." Das Haus der Forschung etwa sei mit Errichtungskosten von rund 13,5 Millionen Euro durchaus vergleichbar mit anderen Qualitätsobjekten. "Und in London wird sogar das Zehnfache der hiesigen Mieten bezahlt." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 03.01.2007)