Der Standard, 24.04.2004 - Album

Rühr meine Waschbetonfassade nicht an!

Wo das rote Wien grau geworden ist: Ein respektvoller Bibliotheksumbau von Mascha/Seethaler (Oliver Elser)

Vor dem "Haus der Begegnung" in der Schwendergasse am etwas heruntergekommenen Ende der Mariahilfer Straße liegt ein kleines Biotop der zementierten Geselligkeit. Der zwischen 1972 und 1976 entstandene Gemeindebau ist aus der Straßenflucht herausgeflüchtet und hat Resträume zurückgelassen, in denen sich immergrüne Abstandspflanzen tapfer gegen zerbeulte Bierdosen und herbeigewehte Reklameblättchen zur Wehr setzen. Vor dem Eingang des Karl-Holoubek-Hofes, der aber kein Hof ist, sondern ein zur Umgebung ausfransendes Waschbetongebilde, das wie zum Hohn den Namen eines revolutionären Sozialisten trägt, zieht ein kniehohes Betonmäuerchen die Grundstücksgrenze nach. Dahinter hat ein wackerer Freiraumplaner eine Brunnenanlage zurückgelassen, die eigentlich sehr schön sein könnte, wenn nur das Wasser eingeschaltet würde. Dann bräuchten die vielen Kinder dieses Viertels nicht auf den nächsten Regen zu warten, um in der spätkonstruktivistischen Betonlandschaft des Brunnens ein wenig herumzuplanschen, und die Jugendlichen auf den Sitzbänken am Beckenrand hätten eine rauschende Kulisse für ihre Plaudereien.

Am Rande dieser Betonlandschaft, die von umlaufenden Wandreliefs noch gesteigert wird, die die Kreismotive des Brunnens in die Vertikale kippen, an diesem bei Sonnenschein so erstaunlich lebendigen Ort darf auch die Buchkultur nicht weit sein. Dachten sich seinerzeit die Stadtplaner und sollten Recht behalten. Nur war die kleine Bibliothek mit türkischen und "serbokroatischen" Beständen aufgrund des guten Zuspruchs gerade von jüngeren Besuchern recht schäbig geworden und das Flachdach undicht. Eine Renovierung aus den Mitteln der Wiener "Bibliotheksoffensive" stand an, die das Architekturbüro Mascha/Seethaler mit knappem Budget und Respekt vor der Substanz zu einem unspektakulären, trotzdem sehr präzisen und geradezu liebevollen Ende brachte.

Der alte Eingang bestand aus einer ebenerdigen Tür, hinter der im Inneren einige Stufen nach oben führten, denn der Waschbetonwürfel der Bibliothek war seinerzeit vom Architekten Anton Potyka leicht angehoben worden, um einen darunter liegenden Proberaum wenigstens ein bisschen belichten zu können. Dies machten sich Mascha/Seethaler (Projektleiter: Herwig Müller) zunutze. Der Zugang erfolgt nun stufenlos und rollstuhlfreundlich über eine Rampe an der Fassade. Der dadurch funktionslose Treppenstummel im Innenraum wurde mit einfachen Mitteln, einer Rutsche und Plastikpolstern zu einer Spielecke umgewidmet.

Der zweite maßgebliche Eingriff betraf die Fassade. Die Einzelfenster wurden zugunsten einer großflächigen Verglasung abgebrochen, die aber so selbstverständlich flächenbündig in der rahmenden Waschbetonfassade sitzt als wäre sie immer schon dort gewesen. Von außen macht sich der Umbau nur mit der Rampe und einem orangefarbenen Schirm bemerkbar, der ursprünglich einen Baum "spiegeln" sollte, nur kam dieser während der Bauarbeiten abhanden. Nun dient der Stahlbaum als weithin sichtbares Zeichen der Veränderung.

Innen kamen außer der Kinderecke noch ein neuer Bodenbelag und ein langer Tresen hinter der Glasfassade hinzu. Um die kleine Bibliothek auch für Veranstaltungen nutzen zu können, wurde ein Teil der Regale auf Rollen gestellt, die sich leicht zur Seite schieben lassen.