Falter special, Beilage zu Falter Nr. 9/99

Kommunikation statt Vision
Christian Mascha und Christian Seethaler sind 1992 im Rahmen der Gruppe Atelier 6b mit einem Entwurf für ein Hausboot für den Donaukanal erstmals aufgefallen. Inzwischen arbeiten sie unter "Mascha & Seethaler" an Häusern, Wohnungen, Büro- und Gewerbebauten und schaffen es, anspruchsvolle Architektur mit den Wünschen von Wohnungsinhabern, Bauträgern und Häuselbauern in Einklang zu bringen.

Kann ein Haus aussehen wie die Baumkrone einer kleinwüchsigen Birke?
Wer die Schloßstraße in Salzburg bis zur Nr. 36 entlanggeht, wird sich plötzlich vor diese Frage gestellt sehen. Auf einem Grundstück an der rechten Straßenseite krümmt sich eine Birke gegen den Himmel und verbirgt mit der Silhouette ihrer Krone ziemlich genau das Haus Nr. 36 dahinter. Als hätte ein Architekt an dieser Stelle gestanden und die Form des Einfamilienhauses nach der Birke entworfen.
Die Ähnlichkeit der Form einer Pflanze und eines am Computer im CAD-Verfahren geplanten Hauses ist Zufall - und doch wieder nicht. Man kann darin auch die Gestaltungsprinzipien der Architekten Christian Mascha (38) und Christian Seethaler (39) entdecken.
"Das schwierigste bei jeder Bauaufgabe ist, die Vorstellung, wie ein Haus auszusehen hat, aus dem Kopf des Bauherrn zu bringen - und natürlich auch aus dem eigenen", erklärt Mascha und sein Kollege Seethaler ergänzt: "Jeder Architekt ist doch stolz auf seine Fähigkeit, angesichts eines leeren Grundstücks oder einer Baulücke sofort eine Vision von einem Gebäude zu haben. Diese Vision versucht er umzusetzen, und darin liegt Leid und Unvermögen der gegenwärtigen Architektur: "Mit jedem Strich am Plan, mit jedem Schritt zur Verwirklichung der Bauaufgabe gerät der Architekt weiter von seiner Vision weg. Dann kommen die Wünsche des Bauherrn oder Bauträgers dazu und frustrieren die schöne Vision noch mehr. So wird die Vision für Architekt und Bauherrn zum sadomasochistischen Korsett." Und der Bau zur strengen Kammer. Am Ende beklagt der Baukünstler, daß alles anders gekommen ist als es vorgesehen war. Der Bauherr jedoch jammert über praktische Unzulänglichkeiten des Hauses und den tyrannischen Gestaltungswillen des Architekten. So hat jeder etwas von der Vision.

Die große Vision - oder, wie der zeitgenössische Brite spöttisch sagt - the vision thing -, ist die Domina der modernen Politik von Bismarck bis Kohl gewesen, der als Kanzler des wiedervereinigten Deutschlands dem englischen Autor Timothy G. Ash ganz zutreffend sagte: "Sie sitzen dem direkten Nachfolger von Adolf Hitler gegenüber." Heute beklagen ältere Journalisten das Fehlen des vision thing in der Politik eines Clinton, Blair und Schröder, denn inzwischen ist die Zeit der Bilderstürmer angebrochen - mit einem Satz, der Ex-Kanzler Vranitzky zugeschrieben wird, den der Philosoph Rudolf Burger jedoch für sich reklamiert: "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt."
Die große Vision hat auch die moderne Architektur zur Schmerzensmutter gemacht. Ältere Architekten, mittlerweile zu Lords, Sirs oder Universitätsprofessoren "emporgeedelt", bemühen sich immer noch, ihr vision thing in "Agglomerationen" wie London, Paris und Wien zu peitschen, und sind taub genug geworden, um die Entsetzensschreie ihrer Mitbürger zu überhören. Jüngere Architekten rufen angesichts dieser Visionen nicht nach dem Doktor, sie versuchen es mit Kommunikation.

Mascha und Seethaler gehören zu dieser neuen Architektengeneration. "Eine Stadt ist zu komplex, um bloß mit einer Vision darauf zu reagieren. Wir suchen nach komplexen Prozessen, um uns den Stadträumlichkeiten anzunähern", meint Seethaler. Dies gilt auch für kleinere Bauaufgaben wie Einfamilienhäuser. Mascha sagt dazu: "Die tradtionelle Architektenweisheit lautet: "form follows function". Wir versuchen beides in Frage zu stellen, schließlich sind ja auch Funktionen keine auf ewig festgelegten Prinzipien. Das Nachdenken über eine bestimmte Form kann durchaus zu einer anders verstandenen Funktion führen." Ihr Entwurf soll letztlich auch sie selber überraschen. Seethaler zitiert John Cage: "Warum sollte ich etwas tun, von dem ich weiß, wie es sein wird?"
Die abstrakten Überlegungen der beiden werden am Beispiel der Keller in Wohnbauten klar. "Jedes Wohnhaus muß einen Keller haben. Die einzige Funktion, die er erfüllt, ist die eines Abstellraums. Er bietet kaum Platz, niemand geht gerne hinunter, aber den Bauträger kostet er eine Menge Geld. Warum hängt man Keller nicht an Laubengänge vor die Wohnungen? Damit bekommt jeder Bewohner einen zusätzlichen, nicht von vornherein festgelegten Raum, den er nach Gutdünken nutzen kann, und der Bauträger spart Geld."

Ein anderes Beispiel, wie eine bestehende Form durch Neudefinition zu einer anderen Funktion kommen kann, sind Wiens Dachböden. Ursprünglich sollten sie nur Regen und Schnee abhalten, mittlerweile schätzen viele Wiener die spitzwinkelige Form als eigentümlichen Wohnraum. Hinter diesen Dachbodenausbauten steht keine große Vision, sie folgen einer anderen Logik, die Christian Mascha als "Aufnehmen von Widerständen" bezeichnet. "Wo man die Spur eines Widerstands aufnimmt, ist man an erwas Neuem dran."
Widerstände sind auch die Vorstellungen eines Bauherrn vom eigenen Haus. An der Schloßstraße in Salzburg kann man die Beton und Ziegel gewordenen Vorstellungen der Häuselbauer sehen. Nur das von Mascha und Seethaler entworfene nimmt die natürliche Form einer Birkenkrone oder die der dahinter liegenden Berge auf - obwohl sie beim Entwurf von völlig anderen Voraussetzungen ausgegangen sind. Ihre Aufgabe war es, den Auftraggebern optimales Wohnen zu ermöglichen, deren Bedürfnissen nachzuspüren und dafür Funktionen und Formen zu finden. Die Bedürfnisse der Bewohner sind ja Widerstände, die jede Vision eines Architekten vereiteln. Man würde wie Mascha und Seethaler diese Bedürfnisse als Herausforderung für einen Entwurf nutzen. "Erst wenn die Vision weg ist, kann man zu arbeiten beginnen", meint Seehtaler. Wenn vom Ergebnis der Arbeit alle überrascht sind, weil ein Haus nicht aussieht wie jedes Haus, ist der Beweis erbracht, daß man außergewöhliche Architektur auch ohne Vision schaffen kann - und im Einvernehmen mit dem Hausbesitzer. "Got the picture?" würde der Brite sagen.