Der Standard, 25.10.96
Anders entwerfen und Spaß an der Architektur
Eine Transformation von Kontinent zu KontinentNicht nur Selbstverständlichkeiten wie das notwendige Raumprogramm, topographische Gegebenheiten oder baubehördliche Rahmenbedingungen sondern darüberhinaus war auch die Geschichte der Bauherren ein Faktor, der die Architektur eines außergewöhnlichen Hauses in Baden mitbestimmt.
Die projektleitenden Architekten Thomas Fichtner und Christian Mascha (6B Architekten) näherten sich der Aufgabe, ein maßgeschneidertes Haus für eine große, musikalische Familie zu planen, mit ungewöhnlichen Methoden.
Am Anfang des Entwurfsprozesses stand die Auseinandersetzung mit der Herkunft und den früheren Wohnorten der Bauherren im südlichen Afrika. Per Landkarte und geologischer Karte erforschten die Architekten Geographie und Geologie eines ihnen unbekannten Landes und erstaunlicherweise fanden sich überraschende Ansatzpunkte für die Erarbeitung des neuen Wohnsitzes der Familie in Baden. Bald stellte sich heraus, daß Baden bei Wien und der Berg Tsaus in Namibia - angeblich sogar ein "heiliger" Ort - am gleichen Längenkreis angesiedelt sind. Ebenfalls von Interesse: die phonetische Verwandtschaft des Bergmassivs zum österreichischen "z´Haus".
In Gesprächen mit Geologen stellte sich heraus, daß die untersuchte Region Namibias und die Thermenregion um Baden ähnliche Gesteinsformationen aufweisen. Es besteht also eine konkrete Verbindung zwischen den beiden Regionen. Ein weiterer Entwurfsschritt war die graphische Verknpüfung von Tsaus mit Possession Island, einer der namibischen Küste vorgelagerten Insel; "Tsaus" und "Possession" ("Zuhause" und "Besitz") ineinandergeschoben, ergaben mit den Spuren des Verschiebungsvorganges ein Gefüge, das ziemlich genau dem Bauplatz eingeschrieben werden konnte. Zusätzlich wurden noch zeichnerische Studien mit Sichtachsen in die nächste Umgebung des Bauplatzes und verschiedene andere Überlegungen und Herleitungen überlagert. Aus wenigen Anfangsparametern entstand so eine dichte Struktur, in die eine Fülle an Information gepackt war. Durch die etwas andere Entwurfsmethode erhält die Architektur neue Aufgaben und Dimensionen. Das Farbkonzept bewegt sich abseits des üblichen Fassadenfärbelungsgeschmacks; Flächen im verschieden satten Sandfarben kontrastieren mit kräftigem Kobaltblau und Grau.
Zur Straße hin bietet das Haus nur Ausblicke durch schmale Schlitze. Die gartenseitigen Wände jedoch öffnen sich mit raumhohen Glasflächen ins Grüne. Durch geschickt angeordnete Oberlichten und Durchbrüche sind die Räume lichtdurchflutet und in ihrer Grundstimmung warm und freundlich.
Kommunikatives Zentrum des Hauses ist die offene Küche mit angeschlossenem "Family-room", dem privaten Wohnraum. Eine diesem Raum zugeordnete Musizierecke bietet durch ihre größere Raumhöhe eine hervorragende Akustik. Auch dieser Platz ist zum Freien hin vollständig verglast. In der "Formal-lounge" werden die eher offiziellen Gäste empfangen und bewirtet. Erschließungsflächen konnten sehr gering gehalten werden. In mancher Hinsicht erinnert das Gebäude an ein Schiff: räumlich optimierte Nutzräume wechseln mit großzügigen Gemeinschaftsbereichen. Nischen bieten sich als intime Rückzugsmöglichkeiten an, von den Terrassen und der Brücke zum Luftraum im Obergeschoß hält man Ausschau in die Umgebung wie von einem Schiffsdeck aus. Unterschiedliche Wandfarben, Raumhöhen und Proportionen sorgen für Abwechslung und differenzierte Raumerlebnisse in jedem Zimmer. Ungewöhnliche Lösungen wie schräge Wände oder so manches Extra wie die Lichtkuppel im Badezimmer oder das kleine Dreieckfenster, das der Hund als seinen Aussichtsplatz angenommen hat, sind keine krampfhaften Gags sondern entstanden nachvollziehbar im Entwurfsprozeß.
Anliegen der Architekten - nicht nur bei diesem Projekt - ist es, "neues Wissen und neue Techniken in die Architektur hereinzuholen". Diese andere Art des Entwerfens liefert bei jedem Projekt neue Erkenntnisse, ermöglicht alternative Zugänge, wird zum spannenden Abenteuer und ist auch Gewähr für den Spaß an der Architektur.