Der Standard, 06.10.96

Aussichtsreich und farbenfroh

Ein ungewöhnliches Haus in Wien scheint sich dem Trend der "neuen Einfachheit" zu entziehen. Von außen betrachtet wirkt es durch verschiedene Farben, Rücksprünge und die variantenreiche Dachlandschaft recht chaotisch. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, daß die Verschachtelung nicht Resultat einer modischen Attitüde ist, sondern durchaus funktionalen Überlegungen entspringt.

Die kleine dreieckige Parzelle auf einer Hanglage im sechzehnten Wiener Gemeindebezirk galt als unbebaubar bis sich die Architekten der Gruppe 6B mit teilweise unorthodoxen Mitteln der Sache annahmen. Bevor mit dem Entwurf für das Einfamilienhaus mit angeschlossenem Labor begonnen wurde, baten sie die Bauherren, sich auf dem Bauplatz die gewünschte Lage der einzelnen Räume auszusuchen und sie zu markieren. Eine an die Spitze einer Angelrute montierte Kamera half, die Blickpunkte in die Umgebung fotografisch festzuhalten. Die bei dieser beinahe spielerischen Annäherung an das künftige Heim gewonnenen Erkenntnisse flossen in die Planung ein. Erstaunlicherweise konnte die so erarbeitete Anordnung der Bereiche im großen und ganzen bis zum Schluß beibehalten werden.

Da die beengte Grundstückssituation eine horizontale Entwicklung der Räumlichkeiten nicht zuließ, ein umfangreiches Raumprogramm aber unterzubringen war, fanden die Architekten die Lösung in einer kompakten Form, die sie über 4 Geschosse staffelten. Sie bewiesen Organisationstalent, indem sie Wohnung, Zahntechniklabor und alle erforderlichen Nebenräume auf nur 123 m² bebauter Fläche unterbrachten.

Privatwohnung und Labor haben zwar den gleichen Eingang, gleich danach trennen sich für den Besucher allerdings die Bereiche. Der private Gast betritt nach dem gemeinsamen Windfang den Wohnbereich mit Küche, der nach Funktionen getrennt zum Garten hin abgetreppt ist. Die sehr transparent wirkende Südwest-Fassade mit großzügigen Glasflächen und filigranen Stahl- und Holzprofilen ermöglicht die Nutzung der passiven Sonnenenergie.

Der Luftraum über dem Eßbereich erweitert den Wohnraum nach oben und bietet baumhohen Zimmerpflanzen genügend Platz, sich zu entfalten. Über eine Treppe aus einem Nirostahängewerk mit Holzstufen gelangt man auf die Galerie im Obergeschoß.

Als Aussichtskanzel konzipiert scheint das Dachgeschoß des Hauses; Hier liegt einem sogar von der Badewanne aus Wien zu Füßen, und die Vorteile eines Dachgartens brauchen gewiß nicht extra erwähnt zu werden.

Ebenso wie der Privatbereich erstreckt sich auch der Labortrakt über mehrere Geschosse. Platzsparend wurde die Erschließungstreppe eingefügt, die gegenläufig zur Wohnungstreppe nach oben führt. Auch der Arbeitsbereich weitet sich mit Fensterbändern zur Stadt hin.

Häufig wird das Haus als "Villa Kunterbunt" betitelt. Die Wahl der Farben erfolgte jedoch nicht ohne Konzept: Für den Labortrakt wurde Türkis - schnell assoziiert mit Adjektiven wie "klinisch oder "medizinisch" - gewählt. Der Wohnbereich ist in einem warmen Rosaton gehalten und für den Rest entschied man sich für Blau und Gelb als Anspielung an die niederöstereichische Heimat der Bauherren.

Das Haus lebt von den vielfältigen Ausblicken und dem Ineinanderfließen der Räume. Was auf den ersten Blick jedoch als Wirrwarr scheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als wohldurchdachtes Gefüge.

Die komplizierten Verschachtelungen entstanden nicht aus mutwilligem Formalismus sondern weil Grundstückstopographie und Raumprogramm danach verlangten. Die verschiedenen Raumhöhen ergaben sich aus der unterschiedlichen Wertigkeit der Räume. Und betrachtet man die Grundrisse präsentieren die sich hier viel geordneter und einfacher als in so mancher "klaren Kiste".

6B Architekten, Projektleiter: Arch. Gerhard ZWIRCHmayr