Innerhalb der Architektenschaft, aber auch im weiteren Umfeld, vermissen wir einen Dialog, der sich mit der Theorie der Architektur beschäftigt. Dieser Dialog ist in Österreich verkümmert. In den angelsächsischen Ländern gibt es einen regen und kompetenten Austausch an Gedanken und Forschung, der in unserem Land (besonders in Ostösterreich) nicht nur fehlt sondern auch behindert wird. Hier geht es um Personen, selten um die Sache. In dieser ersten Analyse möchten wir zeigen, warum Architekten und Architektur Neues und Unbekanntes ausgrenzen und welche Strategien zur Verfügung stehen, um eine vitale Architektur voranzutreiben. denn:
Architektur ist einfach
Architektur Aktuell
187/188 Jänner/Februar 1996
© Mascha & Seethalereinfach: schlicht, anspruchslos, bescheiden, kunstlos, ohne großen Aufwand, prunk-, schmucklos, ungekünstelt, simpel, primitiv, genügsam, bedürfnislos, eingeschränkt, frugal, karg, spartanisch, puritanisch, natürlich, unauffällig, farblos, unscheinbar;
ugs.: ohne viel Brimborium, mühelos, unproblematisch, unkompliziert, bequem, spielend, leicht, simpel, ohne Schwierigkeit oder Mühe, unschwer, mit Leichtigkeit;
ugs.: idiotensicher;
österr.: kommod, einfältig;
(aus: Knaurs Lexikon der Synonyme, 1992)
Prolog
"Objekte, vom vernachlässigbaren bis zum immensen, deformieren die Zeit in jeder Richtung - vorwärts, rückwärts und an all ihren Seiten. Vorwärts, indem sie neue Möglichkeit sind, neue Frequenz für neue Wahrscheinlichkeit; rückwärts, indem sie neue Möglichkeit sind, die bis zu ihrem Auftreten nicht häufig genug oder überhaupt nicht in Erscheinung getreten war. So fokussieren sie das Licht der retrospektiven Lesung auf "warum nicht ?"
Objekte erschaffen eine existentielle Landschaft, die sie für immer transformieren. Sie beeinflussen den Lauf aller Dinge und Ereignisse, die diese Landschaft durchziehen und die Objekte verformen. Sie bringen das Werden ins Sein. Die meisten sind Staubkörner. Jedes einzelne irrelevant aufgrund des unglaublichen und enormen Ausmaßes, das sie doch zusammensetzen. Einige wenige sind Steine, Blätter oder Tropfen, noch weniger sind Berge, Bäume oder Flüsse, und manchmal, nahe der Grenze zum Niemals wird eines zum Grenzstein: ein Gebäude. Es konstituiert den Schöpfer der Zeit. Objekte errichten die Zeit neben und außerhalb jedweden Wissens von ihr."
(aus: An introduction to objectology by Mary Lakeval und James Martindale Kingley, 1842)
Wir glauben an selbstbewusstes, verantwortungsvolles und aufmerksames Handeln, das gut mit den stärken der Menschen umgeht, und nicht die Schwächen nutzt. Wir glauben an eine Architektur, die reichhaltig, vielfältig und gedankenvoll ist, eine Architektur, die ihre Bedeutung, aber auch die Grenzen ihrer Sicherheit erkennt. Sie soll Platz zu schaffen für die in unserer Zeit so charakteristischen, rasanten Wechsel der Entscheidungskriterien, um sich eine selbstbewusste Teilnahme an diesen zu sichern.
Wir sehen, an den Schulen, wie auch in der Praxis, dass der Architekturentwurf immer mehr seine Auswirkungen zu bestimmen sucht. Damit unterdrückt er mehr und mehr eine elastische Erlebnisstruktur. Absichtlich oder nicht trägt diese Architektur zu einer Vereinheitlichung des politischen Raumes bei. Bezeichnender Weise strebt diese Architektur nach einer systematischen Kontrolle über Stil, Funktion und Umfeld. In dieser Situation verkümmern Muskeln, weil sie nicht mehr verwendet werden können. Der Optimismus der Moderne, eine umfassende und rationale Kontrolle auf sämtliche Wirkungen der Architektur ausüben zu können, stammt zum Teil aus einem naiven Verständnis des komplexen Spieles der Komponenten, die politischen Raum schaffen.
Eine Architektur jedoch, deren Ziel eine vitale Erlebnisstruktur ist, strebt durch diszipliniertes Entspannen der Kontrollsysteme danach, mögliche architektonische Wirkungen zu verstärken. Da die Strategie des Entspannens auf eine Vermehrung von Wirkungen abzielt, kann sie weder durch Aufladung beabsichtigter Wirkungen, noch durch unkritische Absage an diese Wirkungen entstehen.
Daher ist es notwendig in eine Diskussion um die Theorie des Entwurfes einzusteigen, denn nur auf dieser Ebene können Entscheidungen getroffen werden, die eine Entspannungsstrategie entwickeln können. Wir möchten mit der derzeitigen Situation in Österreich beginnen.
1. Der Wille des Architekten
Motiv Sehnsucht und Angst
Fragen wir einen Architekten nach der Motivation für seine Arbeit, so rankt sich die Antwort meist um ein bestimmtes Ziel: "Ich will etwas machen, das bleibt, das sinnvoll ist und gut." Wir haben gelernt, dass die Zeit der Maßstab ist, an dem Qualitäten wie "sinnvoll" und "gut" gemessen werden. Wenn das, was wir tun, auch noch in hundert Jahren gut ist, dann glauben wir etwas erreicht zu haben. Offensichtlich ist dem nichts entgegenzusetzen. Wem wollen wir vorwerfen etwas Sinnvolles und Gutes machen zu wollen?
Wir glauben, dass Motive Handlungen wesentlich beeinflussen, und sind daher sehr an ihnen interessiert. Wie im guten Krimi liegt hier oft der Schlüssel für das Verständnis über das eigene Tun und die Handlungen anderer verborgen. Dieses Verständnis verhilft uns zu einer Analyse, die Entscheidungsgrundlagen für einen Weg aus dem Problem zu finden. Auffallend ist die Übereinstimmung und die Reflexartigkeit der Antwort. Es interessiert uns diesen Mechanismus zu hinterfragen, der diese Weltanschauung entstehen lässt. Wir haben uns auf eine Spekulation eingelassen, die nicht kritiklos hinnimmt, dass Unveränderbarkeit unser ureigenes Ziel ist und noch dazu gut für uns sein soll. Spürbar gibt es ein Problem, auf das mit einer Antwort reagiert wird. Wo ist das Problem? Warum wollen wir etwas schaffen, das sich nicht verändert? Das Ergebnis dieser Analyse ist nicht neu, geschweige denn, überraschend. Überraschend und faszinierend zugleich ist lediglich die Tatsache, dass diese Erkenntnis keine nennenswerten Auswirkungen auf die Architektur hat. Der Mainstream der Architektur verweilt im Problem; ein durchaus neurotisches Verhalten. Der Mainstream fließt in den Niederungen und ist Träge und schlammig. Sein Wasser ist braun und sauerstoffarm. Er ist zu Tode reguliert und hat keine Chance mehr sein Bett zu verändern. Wer sich mit dieser Situation zufrieden geben kann, dem sei es unbenommen. Uns reicht das nicht, denn Mainstream ist fad, einfältig und in seinem totalitären Anspruch größenwahnsinnig. Wir nehmen die Tatsache ernst, dass unser Kopf rund ist, und damit unser Denken die Richtung ändern kann. Das hat natürlich gute Gründe. Doch dazu später (Drang zur Schlichtheit).
Auf der Suche nach einer Motivation für das Schaffen als Architekten müssen wir über den Rand dessen was wir als Architekten in Österreich gelernt haben hinausblicken. Es geht hier um die Beziehung von einem "Ich" zu einem "Es" denn schließlich will "ich es bauen". Wenn wir davon ausgehen, dass hinter diesem Willen nicht nur der Drang zum Geldverdienen und damit zum Überleben steht, sondern wenn wir auch all die Anstrengungen und Entbehrungen, die Architekten für ein gutes Werk auf sich nehmen, mitberücksichtigen, dann gewinnt die Frage "warum tun sie das?" an Bedeutung. Es muss sich um eine existentielle Sehnsucht handeln, die uns zwingt, dieses Es zu erschaffen. Sehnsucht ist ein starkes Motiv, es reicht aber nicht aus diesen Mechanismus zu erklären. Sehnsucht entsteht aus Angst. Diese Sucht ist die Lösung für das grundlegende Problem einer individuell gefahrvollen Wirklichkeit, der wir zu entkommen suchen. Objekte, und dazu gehört (in unseren Breiten) auch unser eigener Körper, den wir aus unseren Augen heraus sehen, sind in dieser Wirklichkeit der Zeit ausgesetzt; vielmehr sie bedingen die Zeit, sie machen sie erst möglich. Der Verfall, das Erlöschen der Individuellen Existenz ist Teil dieser Wirklichkeit und erzeugt diese Angst, die in unserer Kultur verdrängt wird. In diese Kultur werden wir hineingeboren wie in unsere Sprache und unsere Umgebung; wir können sie uns nicht aussuchen.
Angst ist der Reflex auf Gefahr und erzeugt Abwehr. Die Gefahr ist mit dem Verfall, dem eigenen Erlöschen, eindeutig identifiziert. Die Angst ist als Reaktion darauf entstanden und wird zum Motor einer Vielzahl von Abwehrhandlungen, derer wir meist nicht bewusst sind. Für den Architekten ist so eine Handlung oft der Entwurf, das Erdenken und Planen eines Gebäudes. Damit sind wir bei den guten Gründen angelangt, die solche Gedanken den Eintritt in die Welt der Architektur verwehren wollen. Ein Großteil der heroischen Architekturlegitimation entlarvt sich selbst als unzulängliche Repetition desselben Mechanismus. Unsere Anstrengungen sind Abwehrhandlungen, mit denen wir Objekte produzieren, die diese Angst bannen. Sie versuchen aus dem vergänglichen "Ich bin" ein unvergängliches und zeitloses "Es ist" zu machen. Soll die Aufgabe der Architektur sein Architekten zu streicheln?
2. Der Wille des Objektes
Die Verantwortung gegenüber dem Endprodukt hindert uns verantwortlich und aufmerksam zu handeln
Per Definition darf sich ein zeitloses Objekt nicht verändern. Es muss seinen Idealzustand beibehalten. Der Verfall muss ausgeschlossen sein, da es sonst nicht mehr dem Ideal entspricht. In ihm muss die Zeit zerstört werden. Das Ideal ist immer einfach und rein, ehrlich und verständlich. Neues hat in ihm keinen Platz, da das Neue ein korrumpierendes Element darstellt und die Zeit in ihm wieder installieren würde. Ein Ideal darf nicht umgebaut oder verändert werden, es darf nicht uminterpretiert oder falsch verstanden werden, man darf es nicht besprayen, anders anstreichen, seinen Bedürfnissen anpassen, verkommen oder verdrecken lassen, kurz um: man darf es nicht verwenden.
In dieser Beziehung zwischen dem Benutzer und dem Objekt scheint die Macht nicht allein vom Subjekt auszugehen, das über ein Gebäude verfügen kann, denn gewisse Dinge traut sich der Benutzer einfach nicht. Wir stellen die These auf, dass die Macht der Objekte in dieser Beziehung wesentlich größer ist, als die der Subjekte und wir dem Willen der Objekte (insbesondere als Architekten) immer unterlegen sind.
Der Wille des Subjekts kommt aus seiner Identität. Diese wiederum definiert sich durch eine komplexe Konstellation von Objekten. Umso stabiler die Konstellation der Objekte, desto stabiler ist unsere Identität. Dieses Ich sehen wir gerne als unveränderbar und standhaft. Unsere Körper mögen zwar älter werden und an Runzeln und Gewicht zunehmen, innerlich bleiben wir aber jung und frisch. Zwar lernen wir dazu, unser Schatz an Erfahrung steigt, wir bleiben aber dieselben. In dieser Vorstellung liegt ein unauflöslicher Widerspruch. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Bei bestimmten Allergien reicht die Menge von einigen Atomen aus, um im Körper eines Allergikers Reaktionen auszulösen, die ihn vom Leben zum Tod bringen. Wir neigen zu der Annahme, dass diese Veränderung, ausgelöst durch weniger als das, was sich gerade in Ihrem Gehirn abspielt während Sie diesen Satz lesen, eine wesentliche ist, denn der Allergiker ist nicht nur ein anderer geworden, er ist tot. Den Satz haben Sie vielleicht gelesen, jemand anderer, denken Sie, sind Sie aber deswegen noch lange nicht. Vergleichen wir einmal was passiert ist: Ein paar Moleküle mit ein paar hundert Atomen haben die allergische Reaktion ausgelöst und eine Existenz drastisch verändert. Beim Lesen eines Satzes werden Millionen von Molekülen im Gehirn neu geordnet. Im Vergleich dazu hat physische Veränderung mit dem Faktor 1:10 oder 1:100 stattgefunden, die wir als nicht wesentlich betrachten. Zugunsten unseres eigenen Seelenfriedens sind wir in unserer Verletzbarkeit bestrebt, uns selbst als unveränderbar, zeitloses Ganzes zu sehen und nicht als etwas vielfältiges, zerstückeltes und unhomogenes, das sich aus unendlich viel Einzelteilen zusammensetzt. Wir haben schon genug damit zu tun, unsere Umwelt und all die anderen Menschen in Ordnung zu halten. Würden wir uns selbst auch noch so komplex wahrnehmen, hätten wir kaum noch Zeit zum Essen.
In jeder Nanosekunde, in der wir etwas wahr- oder aufnehmen tritt eine Veränderung ein, die aus uns einen Anderen macht. Wir sind danach nicht mehr dieselben. Wenn wir irgend etwas tun, so beginnt ein Regelkreis zwischen dem Subjekt und dem Objekt zu oszillieren. Wir verändern unsere Umgebung und werden aufgrund unserer Wahrnehmung dieser Veränderung selbst verändert. Aus dieser neuen Situation entsteht eine neue Beurteilung, eine neue kleine Weltanschauung und der Prozess oszilliert weiter. Die Konsequenz ist die Unmöglichkeit einer simultanen und unabhängigen Existenz von Subjekt und Objekt. Beide kleben aneinander und beeinflussen sich ständig in einem dynamischen Gleichgewicht wie die Pole eines Magneten. Ändert sich ein Objekt, so ändert sich unsere Identität. In dieser Subjekt-Objekt Konstellation können wir einerseits die Macht unserer Fähigkeiten und Werkzeuge nicht voll ausschöpfen, da unser komplementärer Part zu einfach (im schlechtesten Sinn des Wortes) ist. Andererseits können wir ein Objekt nicht autonom nach unserem Willen entwerfen, da es selbst einen Willen besitzt. Damit fällt jede Kontrolle über Form, Funktion, Bedeutung und Wirkung eines Objektes haltlos in sich zusammen. Genau in diesem anscheinenden Dilemma liegt aber auch die Chance aus dem starren Sein ein elastisches Werden zu machen.
3. Das Ergebnis
Architektur und NaturSchlichtheit wurde in den letzten Jahren zum Zauberwort, zum Synonym für eine vernünftige Herangehensweise an die Architektur. Schlicht macht gut lautet die kritiklose Parole. Schlichtheit gepaart mit dem Anspruch der Zeitlosigkeit spielt in der Rezessionskultur, die wir gerade erleben eine wichtige Rolle: Sie ist die Ästhetisierung der genährten Armut, denn die Zeiten des hedonistischen Pomps, an dem jeder teilhaben kann, sind vorbei. Die Welt der Architektur reagiert, indem sie das Kind mit dem Bad ausgießt. Den bescheidenen Baubudgets der 90er-Jahre folgt eine simplistische, einfältige und anspruchslose Bauphilosophie, die weder technische noch geistige Möglichkeiten unserer Zeit nutzt. Sie gibt vor günstig zu sein, ist aber teuer. Ihre Einfachheit gaukelt Flexibilität vor, die nicht eingelöst werden kann. Sie ist eine Philosophie der Sicherheit, die Neues und Fremdes ausgrenzt und Gewohntes repetiert. Sie installiert eine Ordnung, die analog zum starren politischen Raum zum Gehorsam erzieht und keinen Spielraum zulässt. Für diese Philosophie wird oft der Name Pragmatik verwendet. Pragmatisch bedeutet ein sachliches, auf Tatsachen beruhendes, den Erfahrungen entsprechendes Handeln. Sachlich bedeutet hier um jeden Preis zu bauen; die Tatsachen einer Welt nach Kopernikus, Darwin und Freud, ganz zu schweigen vom Rest des 20. Jahrhunderts, Migration, Entfremdung, Internet und eine große Liste der wesentlichen Fragen unserer Zeit bleiben unberücksichtigt. Die Erfahrung spricht natürlich für einfache Lösungen und setzt sich hier durch. Die Auswirkungen dieser Geisteshaltung sind in der Architektur besonders deutlich zu sehen, denn sie stehen 1:1 in der Gegend herum. Die Kraft und Verzauberung, die diese Objekte auf uns ausüben sind nicht von der Hand zu weisen. Sie bestechen durch ihre Quantität (wie Größe, Verbreitung, Wiederholung, Dauerhaftigkeit, etc.) als auch durch ihre Qualität (wie Sicherheit, Geborgenheit, Schutz, Vernunft, Funktion, Ästhetik, etc.). Wir können uns ihrem Reiz anscheinend nicht entziehen. Dennoch erheben schlicht anspruchslose Gebäude in ihrer Trostlosigkeit einen wesentlichen Anspruch. Sie okkupieren mit der Einfalt ihres puritanischen Gehabes einen Raum, der bis dahin ein Mehr an Möglichkeiten offen gehalten hat. Damit steht dieser Raum nicht nur im Kontrast zu jedem selbst organisierenden System, er hat es an dieser Stelle auch ausradiert. Solche Systeme tragen Namen wie: Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur oder Natur. Wenn wir diesen Gedanken fortsetzen, so entdecken wir hinter der so genannten Pragmatik eine ruinöse Geisteshaltung, die versucht jede Art von Eigenständigkeit auszuschließen. Sie lässt einfach nichts über, als die Möglichkeit zum Gehorsam. Wir dürfen uns nicht wundern, dass gerade alte Architekten wie Holzbauer oder Peichl einfache Gebäude propagieren und planen, da ihnen ihr reicher Erfahrungsschatz zeigt, dass solche Lösungen durchaus passend sind für die Anforderungen, die starre und kristalline Großorganisationen an Architektur und ihre Benutzer stellen. Absichtlich oder nicht wird so der politische Raum vereinheitlicht.
4. Neue WerkzeugeUm an Methoden arbeiten zu können, die es uns ermöglichen im Entwurfsprozess den Willen des Architekten zu stärken, müssen wir untersuchen, welche Rolle die Vernunft in diesem Prozess hat. Da ja selbst Einfachheit als vernünftiges Ziel gilt, betrachten wir diese fundamentale menschliche Tugend mit respektablem Argwohn. Kann es sein, dass die Vernunft das Werkzeug ist, mit dem wir Entspannungsstrategien entwickeln können? Ist es möglich durch vernünftiges Handeln etwas zu entwerfen, das wir selbst nicht kennen? Da wir uns durchaus für vernünftig halten und nicht glauben willkürlich handeln zu können, müssen wir herausfinden wie die Vernunft am besten eingesetzt werden kann.
Funktion, zum Beispiel, scheint ja ein durchaus vernünftiges Kriterium zu sein, nach dem wir Objekte entwerfen und beurteilen können. Hier geht es uns aber nicht um die Frage der Vernunft in der Funktion sondern um den Einsatz und die Bedeutung der Vernunft selbst; das heißt um die Frage "was hat Funktion mit Vernunft zu tun?". Vernunft wird unkritisch behandelt. Sie ist rational und hat viel mit dem Gefühl von Wissen und Wahrheit zu tun. Sie ist gleichsam die Basis, das konstituierende Axiom für jede Form von Erkenntnis. In ihrer Leidenschaft alles zu umfassen und zu durchdringen ist sie immer eine Funktion der Sehnsucht; eine Leidenschaft eben, irrational und verrückt. Die Geschichte der Idee der Architektur ist die Geschichte der Eroberung der Architektur durch diese Leidenschaft. Aus diesem Blickwinkel erscheint die Untersuchung notwendig, ob die Architekturgeschichte nicht als Abfolge und Entwicklung der architektonischen Formen sondern als Entstehungsgeschichte des architektonischen Denkens gesehen werden muss. Das heben wir uns für ein Andermal auf.
"Wahrheit" entpuppt sich hier als Produkt eines sehr spezifischen Abenteuers. Sie ist also weder essentiell notwendig noch universell anwendbar. Dennoch ist das Gefühl ihrer Wichtigkeit nicht aus unserem Leben wegzudenken. Wir vertrauen darauf, rechnen damit und bauen auf sie. Autorität und Eindeutigkeit können demnach ihr Spiel um den Gehorsam unkritisch aufrecht erhalten. Auf der Strecke bleibt alles Andere. Das was wir nicht denken oder tun sollen, alles was dazu geeignet ist neue Möglichkeiten entstehen zu lassen. Wenn die "Wahrheit" aber nur Teil eines ganz spezifischen Systems von Bedeutungen ist und ihr totalitäres Regime nicht mehr haltbar ist, müssen wir den Schritt tun und das offenliegende Potential nutzen. Es mag am Anfang demoralisierend sein, die verlässlichen und erprobten Systeme durch andere zu ergänzen oder gar zu ersetzen, die zur Verfügung stehende Verantwortung und Möglichkeit sind jedenfalls einen Versuch wert.
Architekten denken genau zu wissen was sie tun. Das heißt, sie können das Ergebnis ihrer Arbeit aufgrund genauer Vorgaben erfüllen. Es ist für eine Analyse sehr wichtig, festzustellen welcher Maßstab für die Bewertung des Endprodukts angesetzt wird und welche Verantwortung dabei ins Spiel kommt. Wissen erzeugt nun einmal das Gefühl der Wahrheit, nicht die Wahrheit selbst. Dieser Unterschied wird in der konventionellen Debatte nicht gemacht. Diese beschränkt sich meistens auf den Streit welche "Wahrheit" gewinnt, was umso weniger verwunderlich ist, da die Besitzer dieser "Wahrheiten" meistens etwas verschiedenes wissen. In der Wissenschaft gibt es zumindest die Chance einer Argumentation. Auf der Basis von durch Experimenten untermauerten Hypothesen, treten verschiedene Auffassungen gegeneinander an. In der Architekturdebatte hingegen ist das wichtigste Werkzeug die Autorität. Autorität hat, wer erfolgreich ist im Vermitteln von Sicherheit. Der Hintergrund dieses Erfolges, seine Entwicklung, ist begleitet vom "recht haben", eine simple Rückkoppelung von Wollen und Erfüllung, die immer wieder bestätigt wird. Um diesen Erfolg zu prolongieren bleiben natürlich Systeme erhalten, die ihr Gewinnpotential bereits bewiesen haben. Solche Systeme, wir können auch von Weltanschauungen sprechen, werden nur erschüttert, wenn die Anzahl und die Bedeutung der Anomalien die sie zeigen starken Legitimationsdruck ausüben. Wird er nicht zur Befriedigung aufgelöst, übernimmt ein neues System, das diese Anomalien besser erklärt und in seine Struktur einarbeiten kann, die Führung und kreiert eine neue Weltanschauung. Die Erkenntnis von der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit war mit Sicherheit der Anfang vom Ende der klassischen Mechanik. Gibt es Anomalien in der Architektur? Reagiert Architektur überhaupt konzeptuell auf grundlegend geänderte Bedingungen?
5. Das Experiment
Oft haben wir die Erfahrung gemacht, dass äußerst diffuse Vorstellungen entstehen, wenn wir von einem Experiment sprechen. Sie haben meistens mehr mit dem emotionalen Aspekt, dem Wagnis, zu tun als mit dem wissenschaftlichen. Es werden Erinnerungen an Dr. Frankenstein hervorgerufen, dessen Experiment einen zusammengeflickten toten Körper zum Leben zu erwecken, nach landläufiger Meinung eher schief gegangen ist. Er hat nicht aufgepasst und das Gehirn eines Verbrechers in den Schädel seiner Schöpfung eingebaut. Er hat seine Sorgfalt vernachlässigt. Das neu entstandene Wesen hat dementsprechend reagiert. Wir können sagen, hier liegt eine tragische Figur vor, eine mit der man Mitleid haben kann. Bezeichnend für die Meinung über dieses Experiment ist, dass es schief gelaufen sein soll. Diese Tatsache können wir beim besten Willen nicht erkennen. Das Wesen hat ja schließlich so reagiert wie es ein böser Mensch würde. Was die allgemeine Auffassung hier stört ist, dass der geplante Ausgang nicht eingetreten ist, einen guten Menschen zu schaffen. War es nun ein Experiment oder eine fehlgeschlagene Planung?
Der Ausgang eines Experiments ist immer und zu jeder Zeit prinzipiell ungewiss, was bedeutet, dass das Wissen über den Ausgang nicht existiert. Das Ergebnis kann vermutet aber nicht bestimmt werden. Es kann sowohl das Wissen, welches den Aufbau des Experimentes bestimmte, stärken oder aber als falsch bezeichnen und neues Wissen fordern und erzeugen. Wird es bestimmt, handelt es sich um eine Planung. Gehen wir davon aus, es handelt sich um eine methodische Isolierung, Kombination und Variation von Bedingungen zum Studium davon abhängiger Erscheinungen, so müssen wir zu dem Schluss kommen, das Ergebnis nur durch die Veränderungen der Bedingungen beeinflussen zu können. Dies lässt wiederum den Rückschluss zu, dass das Ergebnis nicht durch Vernunft bestimmbar ist, das heißt, nicht dem Willen unterliegt und damit auch nicht der Befriedigung einer Sehnsucht oder eines Wunsches dienen kann. Das Experiment ist also ein probates Mittel, um im Entwurfsprozess unsere Prägung durch Objekte, unsere Wünsche und Sehnsüchte als auch unsere Vernunft auf der Seite der Bedingungen einzubringen, das Ergebnis aber davon frei zu halten und so etwas Neues, Unbekanntes zu entwickeln. Eine Methode, Bedingungen festzusetzen und nach bestimmten Regeln oder mittels eines Rituals ein Ergebnis zu produzieren ist ein Wagnis, vor allem wenn wir das erwartete und notwendigerweise brauchbare Ergebnis mit in Betracht ziehen. Es impliziert die Möglichkeit des Scheiterns aber auch des Happy Ends.
Angst ist ein gutes Symptom für Risiko. Ist dieses Symptom vorhanden können wir sicher sein, die Fährte des Widerstandes aufgenommen zu haben, um die sichere Gewohnheit zu brechen. Denn Risikofreiheit bedeutet nichts anderes als die räumliche, zeitliche und psychische Abwesenheit von Überraschungen. In diesem Zustand ist jede Veränderung ausgeschlossen; Ereignisse ebenfalls. So fad wollen wir es nicht haben.
Epilog
Die Wände der Architektur:
Über ihre ursprüngliche Schutzfunktion hinaus (das Abwehren des Unbill) hat die Architektur als Reaktion auf Weltveränderung die Aufgabe, Wälle als Schutz gegen verlorene Selbstverständlichkeit zu errichten.
Das selbstbewusste, organische Aufstreben vom Mittelpunkt des Universums wird durch den Wegfall des Anspruches der Erde als Mittelpunkt des Universums ad absurdum geführt. Der verletzte Stolz des Mittelpunkts der Ordnung wird durch die klaren Ordnungen der verstreuten Renaissancebauten mit jeweils neuen Mittelpunkten kaschiert. Wände bilden eine neues Zentrum und der Mensch ist in ihm.
Dieser Trost des überlegenen Menschen, der Erschaffer seines eigenen Zentrums und ebenso als singuläres Zentrum erschaffen ist, hält einige Zeit an bis Darwin mit dem bloßen Finger auf den Affen zeigt und den Menschen als einen Teil entlarvt. Da der Mensch plötzlich eine Strecke auf dem Weg der Entwicklung wird, werden es seine Werke ebenso. Das Ewige des vom Einzigen Geschaffenen wird den Werken genommen, die puren Wände werden mit neuen Wänden (große Trostpflaster für die wieder gemarterte Seele) gepflastert.
Während die Wissenschaften mit nur kurzer Schockpause auf derartige Einbrüche antworten, steht der Architekt noch immer verzweifelt vor der zertrümmerten Renaissance und seinem zertrümmerten Bild als Meister, falls er dies überhaupt wahrnehmen will.
Längst wurde der Menschheit die nächste Einzigartigkeit genommen; das logische, vom Willen des Menschen beherrschte Denken verstrickt sich durch Freud mit dem Unterbewussten, doch der Architekt steht noch immer sprachlos vor den Trümmern der Renaissance.
Dies wäre kein Unglück, würde er dieses Problem mit anderen teilen. Wissenschafter würden ihm tröstend auf die Schulter klopfen und ihre Katastrophen erzählen und wie sie dann wieder weitermachten. Planck würde ihm erzählen: "Kurz zusammengefasst kann ich die ganze Tat als einen Akt der Verzweiflung bezeichnen, denn von Natur bin ich friedlich und bedenklichen Abenteuern abgeneigt ..., aber eine Deutung musste um jeden Preis gefunden werden, und wäre er noch so hoch. ... Im übrigen war ich zu jedem Opfer an meinen bisherigen physikalischen Überzeugungen bereit." (Vortrag vor der Physikalischen Gesellschaft in Berlin, 1900), um ihm mitzuteilen, welchen eigenen Widerstand er zu überwinden hatte, um das Wirkungsquantum zu finden. Künstler würden ihm durch Selbsterlebtes Mut zusprechen.
Leider hat der Architekt versäumt mitzuteilen, dass ihm seine Welt zerbrochen ist, seine Ansicht noch die gleiche ist, so bleibt er alleine.
Die Wände des Architekten:
Klugerweise hat der Architekt versäumt mitzuteilen, dass im seine Weltansicht zerbrochen ist, weil so kann er weiterarbeiten. Um zu verbergen, dass die Sprache, die nicht mehr mit ihm spricht, verloren gegangen ist, muss er ständig neue Sprachen entwickeln, um glauben zu machen, dass er der einzige, letzte aus dieser glorreichen Zeit ist - nicht unähnlich der katholischen Kirche der heutigen Zeit. Die "Moderne" kann auch als eine Wand, ein Schutzschirm vor dem Renaissancemenschen Architekt, der das "Ideale" weiterentwirft, gesehen werden. Aus der so genannten "Theorie der Moderne" hören wir keine Theorie sondern den Betgesang auf den idealen Menschen.
Kritik an Werken kann es in dieser Sicht nicht geben. Kritik von außen (Uneingeweihten) ist unzulänglich, da diese die Wahrheit nicht kennen, Kritik gegenseitig gibt es nicht, da jeder der Vertreter der Wahrheit ist, sei diese unteilbar.
Diese Strategie erzeugt aber nicht nur die Sicherheit der eigenen narzisstischen Position sondern ermöglicht Architekten heutzutage überhaupt, ihren Beruf auszuführen.
Wenn wir (und wir benutzen diese Strategien auch, versuchen aber sie mehr und mehr loszuwerden) einem Klienten, ein Haus entwerfen, auf welchen Prinzipien auch immer aufgebaut, dieser plötzlich völlig neue Vorstellungen über seine Räume bekommt "ich möchte ein Klo neben dem Schlafzimmer", lässt sich sein Wunsch einfachst abwägen. Man (der Klassiker) weise darauf hin, dass das zusätzliche Fenster die Proportion der Fassade zerstört, welche im goldenen Schnitt aufgebaut ist, und der Klient zieht sein unheiliges Ansinnen sofort zurück. Falls er dies nicht tut, kann man (der Techniker) betonen, dass der Kloabfluss in die Wand eingestemmt werden muss, dies eine statische Auswechslung des Tragsystems verursacht, da die Außenwand zu dünn geworden ist und dies Kosten von ca. 100.000,- verursachen wird, man aber gern bereit ist, diese Umplanung vorzunehmen.
Die Tradition, eine Sprache immer weiterzuentwickeln, die nur auf der Vermittlung von Autorität nicht aber auf Kommunikation abzielt, wird sehr offensichtlich nicht nur Bauherren gegenüber gepflegt, sondern auch unter und zwischen den Vielfältig mit Architektur Beschäftigten.
Neben dem verständlichen Bedürfnis Macht auszuüben, versteckt sich hierbei eine zunftspezifische Wehleidigkeit der Architekten an Kritik.
Es ist auch klar, dass Menschen die sich vor Gebäude stellen und sagen: "Dies habe ich gebaut" (Wobei Ihr Teil am Bauwerk nur einen Teil der Planung betroffen hat), im Umkehrschluss glauben man finde sie misslungen, wenn man Ihnen sagt: "Diesen Türgriff finde ich misslungen".